August 1965 – Erinnerung an einen Fluchtversuch von drei Schweriner Jugendlichen

Sieben Aktenbände wurden Mitte der 1960er Jahre über Schweriner Jugendliche angelegt, die sich regelmäßig am Schlachthofplatz trafen und bei „Beatmusik“ von einem Leben in Freiheit träumten. Einer der Jugendlichen war der siebzehnjährige Reinhold „Peti“ Brückner, wohnhaft in der Seestraße 23, Lehrling in Wittenberge und Fußballspieler der Auswahlmannschaft des Nordens und von Dynamo Schwerin. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem 16jährigen Christian Block und dem 18jährigen Schornsteinfegergesellen Bernd- Peter Dibbern, wohnhaft unweit des Schlachthofplatzes in der Wallstraße 3, schmiedete Reinhold den Plan, die DDR zu verlassen. Die drei Freunde trainierten ausgiebig im Ostorfer See für ihre anstehende Flucht über die Ostsee. Ausgerüstet mit Schwimmflossen, drei Dosen Hautcreme und mehreren Dosen Kondensmilch bestiegen die drei Jugendlichen am 28. August 1965 den Zug nach Bad Kleinen und im Anschluss daran den Zug nach Klütz, von wo aus sie nach Barendorf zur Ostseeküste gelangten. Das Leuchtfeuer in der Lübecker Bucht sollte ihnen nachts auf der Ostsee Orientierung bieten.

Der Freundeskreis der drei Schweriner war in die Fluchtabsicht eingeweiht. Seiner Mutter, Olga Pexa, hatte Reinhold „Peti“ Brückner einen kurzen Brief hinterlassen, auf dem er vermerkte, dass er am Wochende des 28. und 29. Augusts nicht nach Hause käme, da er auf einem Fußballturnier im Süden spielen würde.

Kurz nachdem die drei Freunde als vermisst gemeldet wurden, fahndete die Kriminalpolizei nach ihnen und am 2. September wurden acht Jugendliche, die in der Nähe des Schlachthofplatzes lebten, verhaftet. Am 6. September meldete die Bezirksleitung der SED an das Zentralkomitee der DDR, dass drei Jugendliche im Kreis Grevesmühlen die Grenzbefestigungen durchbrochen und über die Ostsee in westliches Gebiet geschwommen seien. In den Akten der Staatssicherheit hieß es später, dass am Ostseestrand von der Grenzpolizei am 07., am 11. und am 14. September drei Personen als Wasserleichen geborgen wurden.

Die Eltern von zwei der drei Jugendlichen wiesen bei der Identifizierung der Leichen deutlich darauf hin, dass Löcher in der Brust von Reinhold „Peti“ Brückner und Christian Block zu erkennen seien, die von Einschüssen stammen könnten. Der Verdacht, dass die Jugendlichen einem gewaltsamen Tod zum Opfer gefallen waren, stand seit dieser Beobachtung für viele Betroffene im Raum.

Am 21.September 1965 wurden Reinhold „Peti“ Brückner und Christian Block in einem gemeinsamen Grab auf dem Alten Friedhof begraben. Es handelte sich um ein Grab mit einem doppelten Todesdatum: 28./29.08.1965. Bernd-Peter Dibbern wurde zwei Wochen später in seinem Geburtsort  Neu Kaliß beigesetzt.

Nach der Beerdigung hielt der Kreisstaatsanwalt Edmund Langer Reden vor Jugendlichen im Schweriner Kabelwerk und später wiederholt vor Beschäftigten des VEB Plastikverarbeitungswerk, um über die Straftat des Grenzdurchbruchs der Jugendlichen zu informieren und um die Gerüchte vom gewaltsamen Tod der drei Schweriner zu zerstreuen. In einer öffentlichen Einwohnerversammlung wurde die Bevölkerung, deren Wohnbezirk an den Schlachthofplatz grenzte, über Straftaten und Vorkommnisse im Zusammenhang mit „kriminellen“ Jugendlichen aufgeklärt.

Am 20. Dezember wurden zwei von den vier inhaftierten Jugendlichen für ihre Fluchtvorbereitungen – die Schwimmübungen im Ostorfer See und den Kauf von Schnorcheln und Flossen – zu einem Jahr und zwei Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Die beiden anderen zu “bedingtem Freiheitsentzug“. Am 20. Januar 1966 wurden vier weitere Jugendliche mit dem Strafmaß zwischen sechs Monaten Gefängnis und einem Jahr und vier Monaten Zuchthaus verurteilt.

Mit der Schlagzeile „Wer so lebt, lebt ohne Würde“ urteilte als einzige Zeitung Schwerins der „blick“ am 27. Januar 1966 über den Tod der drei jugendlichen „Straftäter“ der „Schlachthofbande“.

Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse des Pädagogium Schwerin / Europaschule